Warum eine Enttäuschung gut ist

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Wenn wir enttäuscht werden, sind wir über den Zustand unglaublich frustriert. Natürlich geht meistens eine emotionale Verletzung mit der Enttäuschung einher. Das ist aber nur die eine Seite der Enttäuschung. Es gibt einen tieferen Sinn, warum eine Enttäuschung gut ist.

Die Enttäuschung ist die Aufhebung einer Täuschung. Von nun an wirst du nicht mehr belogen, betrogen oder hereingelegt. Von nun an siehst du klar und kannst sagen: So ist das nicht! Du hast nun die Möglichkeit zu entscheiden, ob du weiterhin mit der Person zu tun haben möchtest oder nicht. Wärst du nicht enttäuscht worden, bliebe die Täuschung weiterhin bestehen. Insofern ist die Enttäuschung auch etwas Gutes, auch wenn es schwerfällt, das anzunehmen.

Erwarten kommt von warten

Einer Enttäuschung vorausgehend ist deine Erwartungshaltung und vielleicht auch das Vertrauen. Wir können das Vertrauen nicht grundsätzlich aufgeben, denn ansonsten werden wir verbittert und innerlich arm. Wir würden uns nichts mehr wagen und zu allen Dingen „nein“ sagen. Niemand könnte uns mehr von etwas überzeugen. Niemanden würden wir noch etwas glauben. Das Vertrauen gehört zum Menschsein dazu. Wird das Vertrauen missbraucht, bist du enttäuscht. Es kann also kein gutes Vorgehen sein, das Vertrauen abzuschaffen. Vielleicht kannst du an einer anderen Stelle besser ansetzen.

Deine Erwartungshaltung ist ein Punkt, an dem du etwas ändern kannst, um Enttäuschungen besser zu verkraften. Das Wort Erwarten kommt von „warten“. Du wartest also auf etwas und denkst, dass es wohl kommen mag. Wenn das Ereignis nicht eintritt, bist du enttäuscht. Wir können also dafür sorgen, dass wir weniger erwarten und stattdessen einfach nur etwas in den Raum stellen. Das könnte eintreten oder nicht – wäre eine Haltung, mit der du leben kannst, ohne in eine ständige Erwartungshaltung zu gehen. Der indische Yogi erwartet grundsätzlich nichts. Er stellt nur fest. Wird der Yogi weniger enttäuscht im Leben? Gewiss, denn diese Haltung sorgt nicht nur dafür, dass er nicht auf etwas wartet. Sie dient auch dem Zweck, bewertungsfrei zu sein. Wenn ein mögliches Ereignis nicht eintritt, bewertet er das nicht, sondern stellt den Fakt fest. In dieser Hinsicht wird automatisch eine Enttäuschung ausgeklammert, weil es nichts zu bedauern gibt.

Das Universum, die Menschen und ihre Handlungen sind nicht berechenbar. Wer dies stets in seinem Kopf behält, wird etwas freier und wartet nicht ständig auf etwas. Genaugenommen warten wir immer auf etwas, in jeder Stunde, in jeder Sekunde des Lebens. Und selbst wenn wir denken, dass wir auf nichts warten, ist es doch so. Wir warten grundsätzlich auf das nächste Ereignis, auch wenn wir noch nicht wissen, was es sein könnte.

Enttäuschungen können dich auch innerlich reifen lassen. Sie können dafür sorgen, dass mehr Mechanismen einbaust, um vorsichtiger künftig zu agieren. Versprechungen von Personen, sollte man mehr als Option als eine fixe Vorstellung annehmen. Das sorgt dafür, dass du nicht aus allen Wolken fällst, wenn es nicht eintritt.

Wenn du etwas von einer Person erwartest, geht es zunächst darum, dass nach Einschätzung das Ereignis eintritt. „Ich habe erwartet, dass er meinen Wagen repariert und jetzt macht er es nicht“, wäre ein Klassiker des Erwartungsportfolios. Du glaubst, jemanden zu kennen und schätzt ab, ob er dies oder jenes tun wird. Tritt das Ereignis nicht ein, bist du enttäuscht. Wir sehen, dass es völlig absurd ist, an dieser Stelle enttäuscht zu sein. Denn du selbst hast etwas in das Blaue hineingedeutet und zwar so sehr, dass du beinahe sicher warst, dass das Ereignis eintritt. Niemand hat dich getäuscht, so dass nun enttäuscht sein müsstest. Niemand hat dir was versprochen. Du selbst hast dich getäuscht und zwar in deiner Einschätzung. Du kannst also höchstens über dich selbst enttäuscht sein, aber nicht auf die Person, die den Wagen reparieren sollte.

Ebenso klassisch sind Eltern, die von ihren Kindern eine gewisse Leistung in der Schule erwarten. Kommt das Kind mit einer schlechten Note nach Hause heisst es: „Du hast mich furchtbar enttäuscht“. Das Kind hat gewiss nicht versprochen eine gute Note schreiben – es hat höchstens den Versuch angekündigt. Das Kind hat keine Täuschung vorgenommen und mit falschen Tatsachen gespielt. Du als Elternteil hast mal wieder eine starke Erwartungshaltung angenommen und bedauerst nun, dass die Erwartung nicht erfüllt wurde. Das ist das was du feststellen kannst, aber keine Enttäuschung. Dem Kind eine Täuschung vorzuwerfen ist grundsätzlich falsch an dieser Stelle. Wir sehen, dass wir darauf achten müssen was wir sagen, was die Worte bedeuten und was sie bewirken.