Interpretieren statt Wissen – das ewige Leid

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Täglich interpretieren wir – dafür reden wir weniger. Zumindest nicht mit der Person, über die wir die Interpretation aufstellen. Mit anderen Leuten hingegen schon. Dabei könnten Beziehungen, Freundschaften und Bekanntschaften so einfach sein. Mit dem Interpretieren statt Wissen über eine Sache oder ein Ereignis wird aber viel kaputt gemacht. Und oft gehen dabei Freundschaften in Brüche.

Wenn wir etwas Unangenehmes erleben, in dem der Freund verwickelt ist, neigen wir schnell dazu, eine These aufzustellen. „Der hat doch bestimmt…“, könnte so ein Satz anfangen, wenn du mit anderen Freunden darüber sprichst. Und häufig wird auch das Schlechteste vom Schlechten angenommen, wenn es darum geht, die Hintergründe zu erforschen. Vielleicht fiel ein Satz, der deine Aufmerksamkeit erregt hat und nun deiner Interpretation unterliegt. „Ich weiss schon, wie das gemeint war…“, sind typische Gesprächsfetzen in einem solchen Zusammenhang.

Natürlich gibt es weitere Klassiker bei solchen Aussagen wie:
Der hat dabei mich so komisch angeschaut (= er führt was im Schilde oder lügt)
Ich wurde gar nicht gefragt, ob ich das will (= böse, hinterlistige Absicht)
Sie meldet sich seit Tagen nicht mehr (= will nichts mehr mit dir tun zu haben)

Interpretieren statt Wissen = Nichtwissen

Die Aussagen in den Klammern sind das, was wir aus dem scheinbar offensichtlichen Material machen. Doch seltsamerweise ist das nicht immer die richtige Annahme. Es ist durchaus denkbar, dass in einigen Fällen, deine Interpretation voll zutrifft. Das ist vor allem dann der Fall, wenn du den Menschen sehr gut kennst und Referenzen aus der Vergangenheit aufweisen kannst. Doch es gibt auch Personen, die vielmehr schlecht sind in der emphatischen Wahrnehmung und grundsätzlich stets einen Angriff gegen die eigene Person erwarten. Sie trauen der Welt nicht – und sie haben auch kein Zutrauen in eine andere Version der Wahrheit, als die eigene Interpretation.

Sollten die Missverständnisse tatsächlich aufgedeckt werden, könnten solche Gegendarstellungen ans Tageslicht kommen:
Der hat dabei mich so komisch angeschaut (= du hast dir das eingeredet, dass der Blick seltsam ist)
Ich wurde gar nicht gefragt, ob ich das will (= es wurde davon ausgegangen, dass du mitmachst)
Sie meldet sich seit Tagen nicht mehr (= ist mit etwas anderem beschäftigt oder steckt in einer Krise)

Wenn du dich spirituell entwickeln willst, ist es wichtig, deine Sichtweise zu erweitern. Denke daran, dass Interpretationen einem Nichtwissen gleichgesetzt wird. Es ist ein Gedanke, eine Möglichkeit oder eine Variante, wie es sein könnte. Doch Licht kommt erst in die Sache, wenn du mit der betroffenen Person sprichst. Gewiss kann diese bei dem Gespräch auch lügen und etwas beschönigen. Doch selbst dann ist es relevant, in der inneren Mitte zu bleiben. Wenn das Wissen über die Sache dir nicht zugänglich ist, musst du alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Dabei darfst du keine ausschliessen. Gleichfalls ist es wesentlich, sich nicht auf die eigene These zu versteifen. Interpretieren statt Wissen hilft dir nicht – es fixiert dich nur.

Wir alle können uns ein Bild machen und eine Meinung bilden. Das ist vollkommen in Ordnung. Doch wer sich fixiert auf die eigene selbst erfundene Wahrheit, wird viel Leid im Leben erfahren. Aus spiritueller Sicht gibt es ohnehin nicht die eine Wahrheit. Bleibe offen und ziehe auch andere mögliche Ursachen in Betracht. Bevor du aber mit anderen Leuten deine These diskutierst und diese vielleicht auch noch ermutigst, dieser zuzustimmen, höre dir das an, was der Betroffene zu sagen hat. In einem solchen Gespräch ist es wichtig, emphatisch und einfühlsam zu bleiben. Interpretieren statt Wissen führt auch dazu, dass eine Meinungsmache erzeugt wird.

Anstatt zu sagen: „Ich weiss, dass du mich hereinlegen wolltest…“, wäre es sinnvoller den Satz so zu formulieren. „Ich habe das Gefühl, dass du nicht ehrlich zu mir warst“. Das Beschreiben von Gefühlen ist das, was du als dein eigenes Wissen und Fakt feststellen kannst. Die Aussage „Ich weiss…“, hingegen ist nicht von Wissen geprägt, auch wenn du es sagst. Dein Wissen unterliegt nämlich nur deiner eigenen Interpretation. Wenn wir so vorgehen, können wir vielleicht Freundschaften, Bekanntschaften und Beziehungen vor dem Untergang retten. Es wäre doch schade, wenn durch eine Missinterpretation etwas in die Brüche geht, was zuvor als wichtig galt.